Wie „Facebook-süchtig“ sind wir?

Written by on 14. Februar 2017

Mehr als 6, 3 Millionen Likes innerhalb weniger Stunden: Mit ihrem Posting knackte die schwangere Beyonce den Rekord auf Instagram (Nachtrag: mittlerweile ist der Popstar Mutter von Zwillingen geworden). – In einem Hörsaal an der Uni Köln wurde ein verbaler Schlagabtausch zwischen Alice Schwarzer und Jörg Kachelmann mitgefilmt und per Twitter-Video gepostet, das sofort für Aufsehen sorgte. – Zunehmend dokumentieren wir unser Leben auf Social Media wie Facebook, Instagram, Snapchat und Co.. Wie „süchtig“ nach sozialen Netzwerken ist die Gesellschaft mittlerweile und was wird sich in diesem Internetbereich noch alles tun? Spannende Fragen an Roswitha Breckner, deren „Visuelle Kommunikations“-Forschung sich u. a. mit Facebook beschäftigt.

„Facebook“ ist längst ein großes, gesellschaftliches Phänomen. Nicht nur die junge Zielgruppe, auch Personen, die 50, 60 (oder sogar darüber) sind, nutzen dieses soziale Netzwerk. Mittlerweile fordern Bundes-VertreterInnen der SchülerInnen mehr Kompetenzen von Lehrenden ein, was die digitale Kommunikation betrifft. Aus Sicht der VertreterInnen sollten Lehrende hier mehr am praktischen Umgang mit Facebook und Co. vermitteln können. – Die Kommunikation selbst wandelt sich indes ständig: „Die Jüngeren chatten nicht mehr auf Facebook mit ihren Freunden, sie gehen auf WhatsApp oder Snapchat. Das heißt, es gibt viele Wanderungsbewegungen zwischen den verschiedenen Plattformen“, erklärt Roswitha Breckner, Soziologin an der Uni Wien. „Wir wissen nicht genau, wie sich das Ganze entwickeln wird, weil es Gruppen gibt, die immer wieder Neues aufgreifen und wenn es dann von anderen aufgegriffen wird, lassen es die ersten, die es benutzt haben, wieder fallen.“ Ein Problem in diesem Zusammenhang sind Hass-Postings, die davon betroffenen Usern psychisch zusetzen können. Gegen solche Postings will die Politik nun stärker vorgehen.

2, 42 Mrd. Euro – eine Rekordstrafe, die die EU gegen den Internetriesen Google verhängt hat. Die Europäische Union sieht es als erwiesen an, dass Google seine marktbeherrschende Stellung als Suchmaschinenbetreiber missbraucht und eigene Suchergebnisse (Preisvergleichsdienst) bevorzugt werden. Google wird drei Monate Zeit gegeben, um das Verhalten abzustellen. – Im Hinblick auf das Internet und seine (neuen) Plattformen ortet Roswitha Breckner generell die Gefahr des Anstiegs bedenklicher Vorgänge. „Es bedarf einer gewissen Zeit, bis man diese Phänomene erkennt, sieht, was da möglich ist, und sich gesellschaftlich Strategien überlegt, um das einzudämmen“, so Breckner. Sie gibt zudem zu bedenken, dass Werbung auf den Social Media immer stärker „personenbezogen“ operiere. „Sobald wir zulassen, dass rückverfolgt werden kann, mit welchen Websites wir uns im Internet beschäftigen, werden wir darauf abgestimmte Werbung bekommen.“ – Internet-Kriminalität war heuer bereits Thema im Fall von Millionen gehackter Instagram-Konten, darunter auch jenen von Promis wie Leonardo DiCaprio. Ein weiterer Fall, der im Zusammenhang mit einer „Internet-Straftat“ für Aufsehen sorgte, ist der um Chelsea Manning. Während der Zeit bei der Armee hatte die IT-Spezialistin Manning rund 800.000 Dokumente über den Krieg in Afghanistan und dem Irak an die Enthüllungsplattform WikiLeaks weitergeleitet. Sie war deswegen zu 35 Jahren Haft verurteilt worden. Der Großteil der Strafe wurde ihr erlassen, mittlerweile ist Manning wieder frei.

Ein Problem orten Forschende auch im Bereich der „Fake News“ (falsche Nachrichten), die vor allem über Social Media wie Facebook die Runde machen und User nicht korrekt bzw. nicht ausgewogen über gesellschaftliche Vorgänge informieren – von der Gefahr terroristischer Anschläge bis zum Thema „Flüchtlinge“. Der Facebook-Konzern hat bereits angekündigt, stärker gegen „Fake News“ vorgehen zu wollen, denen ExpertInnen bescheinigen, zum Wahlsieg des amerikanischen Präsidenten Trump beigetragen zu haben. Auch seitens der EU-Kommission werden Richtlinien gegen „Fake News“ ausgearbeitet, die von Online-Plattformen freiwillig angewendet werden können.

Facebook ist auch immer wieder in der Kritik wegen des Löschens von Bildern, KritikerInnen sprechen gar von Zensur. Ein Beispiel ist das berühmt gewordenen Foto eines kleinen, nackten Mädchens, das vor den Kriegswirren des Vietnamkriegs flieht – ein zeitgeschichtliches Dokument, das von Facebook aber gelöscht wurde, da dessen Regeln Nacktheit / pornographische Inhalte verbieten. Breckner: „Das zeigt, dass die maschinelle Erkennung von Bildern nach bestimmten Größen und sichtbaren Teilen funktioniert – aber nicht selbst denkt. Daher kann nicht unterschieden werden, dass die Darstellung des nackten Mädchens keine Nacktdarstellung einer Frau ist.“ (Anm.: Im Zusammenhang mit der Thematik „Zensur“ wird dem Facebook-Konzern auch vorgeworfen, für China eine Zensursoftware entwickelt zu haben – unliebsame Inhalte könnten damit gelöscht werden. Facebook hat die Software für den möglichen Markteintritt in China entwickelt – noch sei die Software aber nicht angeboten worden, so eine Sprecherin, und eine finale Entscheidung zum Vorgehen in China stehe aus. China blockiert soziale Netzwerke wie Facebook.) –
Wie sieht Roswitha Breckner das kommunikative Verhalten im Internet in 30 Jahren, wird unsere Existenz – zugespitzt formuliert – dann vor allem aus Live-Streams des eigenen Lebens bestehen? „Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser ganzes Leben virtuell stattfindet. Dafür sind wir doch zu stark Körperwesen“, meint Breckner. – Welches künftige Forschungsprojekt sie betreiben könnte und wie sehr Medienbilder wie „Lady Dianas Todesauto“ (Dianas Tod jährt sich heuer zum 20. Mal) unser Leben prägen, hören Sie in der Sendung. Außerdem: Folge 3 der ForscherInnen-WG – diesmal: Wie wird man ein YouTube-Star?

Der Podcast zum Nachhören:

Credit: Pixabay / Public Domain


Current track

Title

Artist